1. Etappe: Travemünde - KristiansundNachdem Wiking im vergangenen Jahr fast die gesamte Ostsee besegelt hatte, stellten wir uns dieses Jahr ein fast ebenso ehrgeiziges Ziel: Hinauf nach Nordnorwegen sollte unser diesjähriger Sommertörn führen. Um die vielen Meilen mit unserer behäbigen Stahlslup bewältigen zu können, begann der Sommertörn schon früh und zwar Ende Mai.
Dementsprechend herrschte typisches norddeutsches Frühlingswetter mit Wolken und Nieselregen, als wir sechs Mitglieder der ersten Sommertörn-Crew uns eines Morgens mit prall gefüllten Taschen auf Wiking trafen.
Der Wind ließ uns mit gemächlichen vier Knoten dahinziehen und das neue Segel stand gut.
Als wir den Fehmarnbelt erreichten, frischte der Wind auf und zwang uns zu kreuzen. Bei Nacht in diesem vielbefahrenen Engpass ein nicht ganz einfaches Unterfangen. So kreuzten wir auch einmal gefährlich nahe den Kurs eines Frachters, der in Richtung Osten unterwegs war. Wir waren heilfroh, als das Schiff uns achteraus passierte. Ansonsten begannen uns auf der Kreuz langsam Seebeine zu wachsen, ein bekanntermaßen nicht immer ganz reibungsloser Vorgang. In mehreren Fällen führte dies dazu, dass man sich das Abendessen noch einmal durch den Kopf gehen ließ.
Nach einem ruhigen Abend in Korsør setzten wir am nächsten Morgen unseren Kurs Richtung Norwegen fort. Nachdem wir praktisch bei Flaute unter der Brücke hindurchmotorten, frischte der Wind auf und kam sogar aus Süden. Sofort war klar, dass optimale Spibedingungen herrschen. Wir beeilten uns, das riesige Segel mit dem Holstentoremblem zu setzen und wenig später zog es uns mit konstanten sechs Knoten gen Norden. Dazu kam, dass praktisch keine Welle auf dem Großen Belt stand. Traumhafte Segelbedingungen also. So segelten wir siebzehn Stunden unter Spinnaker, bevor Rasmus meinte es sei wohl genug und der Wind drehte.
Am nächsten Morgen steuerten wir Hals an, einen kleinen Hafen an der Osteinfahrt zum Limfjord. Das Fahrwasser zur Hafeneinfahrt war recht eng und der Wind stand genau aus Richtung Hafen. Daher entschlossen wir uns, unser bewährtes Stahlsegel der Marke Volvo zu verwenden. Doch plötzlich veränderte der Motor sein Geräusch. Ein Blick in den Maschinenraum ließ Böses ahnen: Wasser bedeckte den Boden, nicht hoch, aber doch besorgniserregend. Wir überlegten, wie wir dennoch unser Tagesziel erreichen könnten. Segeln kam aufgrund des engen Fahrwassers nicht in Frage. Über Funk versuchten wir einen Schlepp zu organisieren. Es gelang uns glücklicherweise einen aus Hals auslaufenden Motorsegler auf uns aufmerksam zu machen, mit dessen Hilfe es uns dann gelang Wiking auch ohne Motor sicher in den Hafen zu bringen.
Da Sonntag war, verschoben wir unseren Besuch in der Werkstatt auf den morgigen Tag, feierten unsere sichere Ankunft in Hals und dankten unseren Helfern.
Nach 3 Tagen in Hals konnten wir endlich unsere Reise fortsetzen. Leider war das Wetter uns zunächst nicht sehr wohlgesonnen. Eine unangenehme kurze Welle und Wind aus der falschen Richtung machten das Segeln auf dem Kattegatt zu keinem besonderen Vergnügen. Doch da wir verlorene Zeit wieder gutmachen mussten, kreuzten wir beherzt gegenan. Nachdem wir endlich nach einer langen Nacht die Nordostspitze Jütlands umrundet hatten, bescherte uns das immerhin einen Anliegerkurs wahlweise Richtung norwegisch-schwedische Grenze oder Richtung Schottland. Nach einer weiteren Nacht auf See konnten wir in den frühen Morgenstunden tatsächlich Norwegen am Horizont entdecken. Allerdings dauerte es dann noch bis zum Nachmittag, bis wir endlich in das Schärenfahrwasser einschwenkten.
Allen Anglerweisheiten zum Trotz, fingen wir bei 5 Knoten Fahrt unter Motor einen Fisch, den wir vorsichtig als Lachsforelle bezeichneten und am Abend mit großem Wohlbehagen verspeisten. Am nächsten Tag setzten wir unsere Reise durch ein ebenso enges wie wunderschönes Schärenfahrwasser fort und genossen den ersten Tag dieses Törns ohne Ölzeug.
Aufgrund der verlorenen Zeit sollte Kristiansand, das wir abends erreichten, der letzte Hafen unseres Törns sein. Wir klarten das Schiff auf und verließen Wiking wehmütig, um mit Bus und Bahn nach Haugesund zu reisen, von wo aus uns ein Flieger zurück nach Lübeck bringen sollte.
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